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Nun also Pierre Coqétait. Der Mann mit den tausend Namen und der unverwechselbaren Stimme. Als wir uns zuletzt begegneten, nannte er sich noch Pedro Gallocierto. Ein kleiner, aufgeblasener Gockel – schon immer eingebildeter, als es der gallische Hahn war. Ich starrte auf das blau-rote Logo der Air France, welches als Stickerei das Kopfdeckchen in der Sitzreihe vor mir zierte. Was haben die sich dabei gedacht, Pierre Coqétait einzustellen? Mit Sicherheit hatten sie seine Unterlagen nicht sorgfältig geprüft. Zu gerne hätte ich gewusst, wie Coqétait die Lücke in seinem Lebenslauf kaschiert hatte. Wir waren uns im April 1987 begegnet, zu dieser Zeit steuerte Pierre, der nach seiner Ausbildung bei Air France das Abenteuer suchte, eine propellergetriebene Cessna über die Sümpfe des Pantanal.
Eine Recherchereise hatte mich in dieses unwirtliche Gebiet verschlagen. Mit an Bord war eine junge, sehr talentierte Fotografin aus China, Frau Lou. Nach sechs strapaziösen Tagen passierten wir die bolivianische Grenze, was damals ein heikles Unterfangen war. Die Region wurde von der Drogenguerilla kontrolliert, die sich häufig Gefechte mit der Militärpolizei von Präsident Víctor Paz Estenssoro lieferte. Es gelang uns, Kontakt zu den Guerillos zu knüpfen. Menschlich fiel mir der Umgang schwer, mein Gewissen plagte mich, doch Coqétait hatte weniger Skrupel. Er verbrüderte sich mit den Anführern, zechte mit ihnen, lachte über ihre zotigen Witze und puderte sich die Nase mit Kokain. Doch dabei blieb es nicht, seine Gier war so groß wie seine Feigheit. Eines Nachts stürmte die Militärpolizei unser Lager, erschoss die drei wachhabenden Guerillos und überraschte die übrigen im Schlaf. Auch wir wurden unsanft festgenommen, doch ich machte mir zunächst keine Sorgen. Das änderte sich, als die Militärs unsere Cessna durchsuchten und aus Frau Lous Fototasche zwei Kilo Kokain zutage förderten.
Coqétait musste sie dort versteckt haben, um sie in Brasilien zu Geld zu machen. Er selbst trug nur zehn Gramm bei sich. Bei mir konnten die Beamten nichts finden, trotzdem wurde auch ich behandelt wie ein Schwerverbrecher. Ein Militärgericht verurteilte uns, ohne uns das Recht auf Verteidigung einzuräumen, zu Haftstrafen im berüchtigten Gefängnisdorf Palmasola. Ein Jahr sollte ich dort einsitzen, Coqétait bekam vier Jahre und Frau Lou wurde zu 25 Jahren verurteilt. Ich hatte es meinen glänzenden Kontakten und meinem deutschen Pass zu verdanken, dass ich nach zwei Monaten unter Mördern, Vergewaltigern und Drogenhändlern freikam. Frau Lou konnte nicht auf Gnade hoffen, zu erdrückend schienen die Beweise und zu wenig kümmerten sich die chinesischen Diplomaten um ihr Schicksal. Trotz all meiner Bemühungen. Ihr Leben schien nicht mehr wert zu sein als das eines Hundes. Sie saß immer noch in Palmasola, Coqétait am Steuer einer Boeing 777. Angst essen Seele auf. Wut essen Seele auf.
Ich hielt die Enden der Armlehnen krampfhaft umklammert und meine Knöchel traten weiß hervor, als mich ein Geräusch an meine Umwelt erinnerte. Ich löste meinen Blick von dem Kopfdeckchen der Air France und sah zu meinem Sitznachbarn, den ich als Lärmquelle ausmachte. Er war in seinem Sitz zusammengesunken, der Sicherheitsgurt hatte sein speckiges Hemd nach oben geschoben und gab den Blick auf einen teigigen Bauch frei, der sich rhythmisch hob und wieder senkte. Sein Mund war umrandet von dunkelblonden Barthaaren in denen Marmeladenreste klebten. Die Lippen vibrierten bei jedem Atemzug und erzeugten ein Geräusch, das mich, angespannt wie ich war, langsam aber sicher in den Wahnsinn trieb. Einem lang gezogenen aaaaaaaaahhh beim einatmen folgte ein nicht minder langes, pfeifendes güüüüüüüüüü während die Luft entwich. Immer wieder. Aaaaaaaaah – Pause – güüüüüüü. Ich versuchte meine Aggression abzubauen, indem ich immer wieder gegen meinen Koffer trat, der unter dem Vordersitz lag. Es half nicht, ich konnte mich nicht mehr länger unter Kontrolle halten.
Als Betty mit ihrem festgefrorenen Lächeln durch die Reihen ging und Kaffee anbot, beugte ich mich in Richtung Gang und ließ mir eine Plastiktasse mit der dampfenden, braunen Flüssigkeit füllen, die man über den Wolken als Kaffee bezeichnet. Während ich vorgab, die gut gefüllte Tasse vorsichtig zurückzubalancieren, kippte ich meinem Nachbarn einen kleinen Schwall in den Schritt seiner grauen Leinenhose. Der schreckte mit einem lauten Grunzen hoch. „Scheiße, das tut mir leid“, fluchte ich auf Deutsch – in der festen Überzeugung, es mit einem Franzosen zu tun zu haben, der kein Wort verstand. „Nu, so passen se’ doch mal uff“ antwortete der Kerl zu meinem Entsetzen in breitem Sächsisch. Dann verzog er die Lippen zu einer Art Lächeln, das gelbliche Zähne freilegte, die ungeordnet aus blutrotem Zahnfleisch ragten. Er schien eher erfreut als verärgert zu sein. „Das mit der Hose is’ nisch so schlimm, früher hatten wir ja nisch ma rischtigen Kaffee“, sächselte er weiter. „Ich komme für die Reinigung auf“, entgegnete ich matt. „Nischt dass ich es nötisch hätte, isch bin freier Künstler“, erwiderte er, „aber isch schreib ihnen mal meine Bankverbindung uff“. Er notierte die Daten auf der Rückseite einer Visitenkarte und reichte sie mir.
Tobias Kleistler
M. A.
Saxophonist
+49171 346 55 31
Saxophonist. War nicht auch ich ein Künstler? Ich hielt es mit Alexandre Kojève und ging den Weg des Künstlers, der alle Lebensprobleme in ein Spiel mit Formen übersetzt. Meist in ein Spiel mit Buchstaben. „Ich melde mich bei Ihnen“, sagte ich ergeben zu Herrn Kleistler und steckte die Karte in die Innentasche meines Jacketts, wo meine Finger einmal mehr über den gezackten Rand der abgerissenen Bordkarte fuhren. Rio. Meine Wut war einer tiefen Müdigkeit gewichen. Kleistler wuchtete sich aus dem für ihn viel zu schmalen Sitz und hinkte in Richtung Toilette. Er schien Knieprobleme zu haben. Kein Wunder, bei dem Übergewicht. Ich nutzte die Gunst des Augenblicks um meinen Koffer auf den Nebensitz zu hieven und ließ die Scharniere aufschnappen. Reflexartig strich ich an einer ganz bestimmten Stelle über das samtige Futter. Dann legte ich meine Trenchcoat zusammen und verstaute ihn unter einem Stapel Zeitschriften. Aus meinem Kulturbeutel fingerte ich ein Tablettenröhrchen und meine graue Schlafmaske. Als der Koffer wieder an seinem Platz unter dem Sitz war kreuzte ich die Füße darauf, legte mir eine Schlaftablette auf die Zunge und spülte sie mit lauwarmem Kaffee die Kehle hinunter. Dann schob ich mir die Schlafmaske vor die Augen und blendete die Umwelt aus. Es war an der Zeit, zur Ruhe zu kommen. Wie schwache Schatten geisterten Smehladou, Coqétait und Frau Lou durch meinen Kopf, dann umfing mich gnädig die Dunkelheit.
Rio de Janeiro empfing mich mit gleißendem Licht. Gegen 15.30 Uhr trat ich aus dem Gebäude des Aeroporto Internacional und sog die warme Sommerluft in meine Lungen. Mein Cordjackett hatte ich gegen ein leichtes,weißes Hemd getauscht, das sanft meine bleiche Haut umspielte. Da war ich also, zurück auf brasilianischem Boden. Ich spürte Übermut in mir aufsteigen, wischte ihn jedoch mit den Gedanken an das beiseite, was da kommen würde. Ich dachte an die Postkarte auf dem Weg nach Deutschland, die den Louvre zeigte und für mich wertvoller war als alle Kunstwerke, die dort ausgestellt sind. Morgen müsste sie ankommen. Bis dahin konnte ich nicht viel mehr tun als auszuruhen und mich an den brasilianischen Sommer zu gewöhnen. Ein Thermometer am Flughafengebäude zeigte 32 Grad, das Hemd klebte inzwischen auf meiner Haut. Ich winkte ein Taxi herbei und gab dem jungen Fahrer die Anweisung, mich in die Rua Paula Matos zu fahren, worauf dieser freundlich lächelte. „Aber auf dem direkten Weg, ich bin kein Tourist“, fügte ich an und sein Lächeln erstarb etwas. Während wir uns langsam in Richtung Stadtzentrum bewegten dachte ich wieder über die Postkarte nach. Ob Isabel die Botschaft wohl verstehen würde?
Liebe Isabel, ich trauere mit dir um Ana. Gramm-
ophon kannst du behalten, sie hing sehr daran,
nun soll es dir gehören. Vielleicht hilft es dir in deiner Trauer. De-
utschland habe ich verlassen, aber wir werden uns wiedersehen.
Lass bald von dir hören!
F. K.
P.S.: Halt in Rio
Isabel würde verstehen, sie kann zwischen den Zeilen lesen. In der Rua Paula Matos angekommen, drückte ich dem Fahrer 25 Real in die Hand und wandte mich dem Hotel Buzios zu. Nach kurzer Verhandlung mit dem Portier bezog ich Zimmer 21 im zweiten Stock des schmuddeligen Gebäudes, für 40 Real pro Nacht. Ich ließ mich auf die durchgelegene Matratze fallen, die auf einem metallenen Gestell inmitten des Zimmers ruhte. Am Fußende befand sich ein Kleiderschrank aus dunklem Holz, rechts daneben, auf einem kleinen Balkon, stand ein quadratischer Tisch mit einem Klappstuhl davor. Über mir drehte sich träge und leicht quietschend ein weißer Ventilator. Nachdem ich etwa zwanzig Minuten gelegen hatte ging ich wieder auf die Straße, betrat einen kleinen Supermarkt und kaufte acht Flaschen Cerveja Antarctica. In der Rua do Senado erstand ich bei einer Straßenverkäuferin einige Empanadas die sie mir in eine grüne Plastiktüte packte.
Zurück in meinem Zimmer ließ ich das Waschbecken mit kaltem Wasser volllaufen und legte das Bier hinein. Eine Flasche öffnete ich, nahm einen großen Schluck und genoss die prickelnde Kühle. Dann setzte ich mich mit meinem Notizblock auf den Balkon. Ich trank, beobachtete den lärmenden Verkehr auf der Straße und schrieb mit Bleistift scheinbar planlos Begriffe auf. He: mad soul. Kleistler. Ipanema. Tommy Dest. Ich unterstrich einzelne Buchstaben, doch mir wollte kein Anagramm in den Sinn kommen. Hoffentlich würde Isabel ihre Sache gut machen. Als es dämmerte übermannte mich wieder die Müdigkeit, das brasilianische Bier und der Jetlag machten meine Lider schwer. Ich legte ich mich auf die alte Matratze und starrte an die Decke. Der Ventilator verwandelte sich langsam in den Propeller der Cessna, die über das Pantanal hinwegzog.
Am nächsten Tag erwachte ich erst gegen Mittag, als auf der Straße ein Auto mit quietschenden Reifen zum stehen kam. Ich duschte ausgiebig und trat danach vor den Spiegel. Kritisch beäugte ich mein Gesicht, die Augen, die tief in ihren Höhlen lagen und die grau melierten Bartstoppeln. Die kleine Narbe an der linken Wange. Ich griff zum Rasierer und legte einen Menschen frei, den ich lange nicht mehr gesehen hatte. Ich kam mir mindestens fünf Jahre jünger vor. Nachdem ich im Erdgeschoss ein ebenso einfaches wie einsames Frühstück eingenommen hatte, setzte ich mich wieder auf den kleinen Balkon. Ich dachte an die junge Frau am Flughafen in Paris, der ich die Karte in die Hand gedrückt hatte. Sie arbeitete dort und würde von dem kleinen Postschalter in Terminal B gewusst haben. Ich malte mir aus, wie sie nach ihrem Dienst dort vorbeiging und die Karte aufgab. Ob sie sie wohl gelesen hatte? Selbst wenn sie Deutsch könnte, würde sie nur verwundert den Kopf geschüttelt haben. Isabel musste die Botschaft einfach verstehen. Ich blickte auf die Uhr: 13.18 Uhr. In Deutschland war es bereits nach sieben. Wenn die Karte noch gestern per Luftpost nach Deutschland gegangen war, könnte sie heute schon angekommen sein. Ich wurde unruhig und beschloss, einen ersten Versuch zu starten.
Mit meinem Notizblock unter dem Arm und dem Bleistift hinter dem rechten Ohr rüstete ich mich zum Aufbruch. Als mein Blick von der klapprigen Pressspantür auf den alten Lederkoffer fiel, beschlich mich ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken, ihn und sein Geheimnis hier zurückzulassen. Kurzentschlossen nahm ich ihn mit und begab mich durch das schummrige Treppenhaus, vorbei an einem dösenden Portier, ins Freie. Die Straßen waren zur Mittagszeit nicht sehr belebt, die Mittagshitze verbrachten die Cariocas lieber im Schatten. Schnell fand ich einen kleinen Laden, der sich mit einem Pappschild im Schaufenster als Internetcafe auswies. Ich bezahlte drei Real für eine Stunde im Voraus und setzte mich an einen Rechner. Der Computer war alt, das Bild auf dem kleinen Monitor flimmerte ein wenig und die grauen Tasten waren klebrig und abgegriffen. Mit zittrigen Händen tippte ich eine deutsche Domain ein: www.trauer.de. Der Bildschirm wurde schwarz, eine kleine Sanduhr zehrte an meinen Nerven während sich langsam das Bild aufbaute. Ich klickte auf den Button Trauerfälle und begann die Todesanzeigen zu durchforsten. Aufmerksam studierte ich die Namen der Verblichenen. Alender, Alezzi, Berinoglu – Namen aus sämtlichen Kulturkreisen, im Tode friedlich nebeneinander. Ich wusste nicht recht, wonach ich suchen sollte und doch erregte ein Name meine Aufmerksamkeit. Ana F. Bicot. Ich öffnete die Anzeige und begann zu lesen.
Ana F. Bicot
† 12.06.78
Am Tage unseres Todes öffnet sich
das Tor zu einer besseren Welt.
In Liebe und Dankbarkeit
Richard und Anne
Uwe mit Stefanie
Annika und Familie
Claus
Arno
Britta
Rolf
Isabel
Tanja
Alessa
Irgend etwas stimmte nicht. Ana F. Bicot war bereits 1978 gestorben. Die übrigen Toten hatten alle erst kürzlich das Zeitliche gesegnet. Ana… war Isabel auf meinen Gedanken angesprungen? Ich zückte meinen Bleistift und schrieb den Namen in Druckschrift auf meinen Block. Die Buchstaben wanderten in meinem Kopf umher und sortierten sich neu. Banco Fiat. Ein Geldinstitut, das vor einigen Jahren von der Banco Itaú gekauft worden war. Alleine in Rio gab es über hundert Filialen. Ich betrachtete die Namen der Trauernden genauer, las von oben nach unten. Richard, Uwe, Annika… RUA. Die Anfangsbuchstaben. RUA CABRITA! Dort war früher eine Filiale der Banco Fiat gewesen. Am Tage unseres Todes öffnet sich das Tor… das Tor? Das Schließfach! Ein Safe mit Zahlenkombination. Ich notierte mir die Ziffern 1-2-0-6-7-8, unterstrich sie mehrmals und lies den Bleistift aus meinen verschwitzten Fingern rollen. Vielleicht war Tommy doch nicht umsonst gestorben.

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